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Ein Jahr Moorspezialisten-Ausbildung im Müritz-Nationalpark

Nicht nur Wasserstände, auch Datenschätze heben! Im Mai 2025 hat Dr. Inga Bergmann ihre Arbeit im Müritz-Nationalpark im Rahmen des Qualifizierungsprogramms für Fachkräfte zur Moor-Revitalisierung aufgenommen. Über ihre Eindrücke von der Ausbildung, ihre Aufgaben im Nationalpark und ihre Zukunftspläne spricht sie im Interview.

Dr. Inga Bergmann bei einer Probebohrung am Bollensee. - Foto: Anna Laugks
Dr. Inga Bergmann bei einer Probebohrung am Bollensee. - Foto: Anna Laugks

Seit 2025 bildet das „Institut zur Ausbildung von Moorspezialisten (IMS)“ am Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie Mecklenburg-Vorpommern (LUNG) Fachkräfte aus. Als eines der moorreichsten Bundesländer hat Mecklenburg-Vorpommern dieses praxisnahe Qualifizierungsprogramm ins Leben gerufen, um seine ehrgeizigen Ziele im Klimaschutz zu verwirklichen. In einer fünfjährigen Ausbildung werden Hochschulabsolventinnen und -absolventen zu Moorspezialisten und Führungskräften ausgebildet, die landesweit Moorschutzprojekte umsetzen sollen. Den theoretischen Teil der Ausbildung übernehmen die Universität Greifswald, die Landeslehrstätte des LUNG und die Fachhochschule Güstrow, während die praktische Qualifizierung in diversen Einsatzstellen erfolgt. Der Müritz-Nationalpark ist eine dieser Einsatzstellen. 

 

Du bist promovierte Pälaoanthropologin. Warum hast du dich entschieden, Moorspezialistin zu werden?

 

Durch meine ehrenamtliche Tätigkeit für den Müritz-Nationalpark beim Wildkatzenmonitoring entstand der Wunsch, auch hauptberuflich im Naturschutz tätig zu werden. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch keine Erfahrung im Bereich Moorschutz hatte, hat mich das Qualifizierungsprogramm sofort angesprochen. Der Müritz-Nationalpark ist für mich ein attraktiver Arbeitgeber und außerdem wollte ich in meine Heimat zurückkehren, nachdem ich lange Zeit in Leipzig gelebt hatte. 

 

Wie gestaltete sich dein erstes Jahr der Moorspezialisten-Ausbildung?

 

Wir haben eine intensive theoretische Ausbildung erhalten. Im Schnitt war ich zwei Tage pro Woche an der Universität Greifswald, von wo aus auch zahlreiche Exkursionen starteten. Wir waren unter anderem in den großen Flusstälern von Peene, Trebel und Recknitz unterwegs und haben uns das Küstenüberflutungsmoor Karrendorfer Wiesen angesehen. Die Besichtigung von Schöpf- und Staubauwerken gehörte ebenso dazu wie unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten der Land- und Forstwirtschaft auf Nassstandorten. So haben wir beispielsweise die Schilfanbauflächen im Polder Bargischow bei Anklam und die Rohrkolben- und Seggenanbaugebiete in Salem/Neukalen besucht. 

 

Der praktische Teil der Ausbildung fand an durchschnittlich drei Tagen der Woche vor Ort im Nationalpark statt. Das Programm war fordernd, denn Vor- und Nachbereitung der Lehrveranstaltungen/Exkursionen, Prüfungsphasen sowie das Pendeln zwischen Lern- und Arbeitsorten nahmen viel Zeit in Anspruch. 

 

Welche theoretischen Inhalte wurden vermittelt?

 

Inhaltlich umfasste der Lehrplan Moor- und Torfkunde, Pflanzenbestimmung, Wasserbau, Hydrologie und Paludikultur, also Landwirtschaft auf Moorflächen. Auch das Konfliktmanagement wurde angeschnitten. Weil Wiedervernässungsmaßnahmen gegenläufige Konzepte von Naturschutz versus Klimaschutz zum Vorschein bringen können, musste zunächst ein rechtliches Verständnis geschaffen werden. Die Teilnehmer wurden in den Bereichen Verwaltungsrecht, Flächenverfügbarkeit, Wasserrahmenrichtlinie, Wasserhaushaltsgesetz in Natur- und Umweltschutz auf landes-, bundes- und EU-Ebene geschult.

Hinzu kamen Weiterbildungsangebote im Bereich Geodaten und Botanik, welche mir meine Einsatzstelle eigeninitiativ ermöglichte. 

8% der Fläche des Müritz-Nationalparks sind Moore. - Foto: R.Vitt /https://naturfotografie-roman-vitt.de/
8% der Fläche des Müritz-Nationalparks sind Moore. - Foto: R.Vitt /https://naturfotografie-roman-vitt.de/

Welche Aufgaben hast du bisher in deiner Einsatzstelle im Müritz-Nationalpark übernommen?

 

Zu Beginn habe ich die Mitarbeitenden begleitet, um mich draußen mit den Gegebenheiten des Müritz-Nationalparks vertraut zu machen. Dabei konnte ich von ihrem Wissen im Bereich Moorrenaturierung profitieren und habe Einblicke bekommen, wie man beispielsweise mit dem Zielkonflikt zwischen Prozessschutz und Maßnahmenumsetzung umgeht. Inzwischen bearbeite ich auch kleinere Projekte selbständig. Mir gefällt die Arbeit im Müritz-Nationalpark sehr und die fachliche Betreuung ist ausgezeichnet.

 

Kannst du diesen Zielkonflikt näher erläutern? 

 

Bei degradierten kleinen Mooren ist es oft notwendig, Wiedervernässungsmaßnahmen durch die Entnahme von Bäumen zu flankieren. Der Wasserverbrauch angrenzender Bäume kann manchmal eine erfolgreiche Renaturierung hemmen und eigens hierzu errichteten Bauwerken wie Grabenverschlüssen oder Stauen ihre Wirkung nehmen. Dem gegenüber steht der Prozessschutzgedanke in Nationalparken, also „Natur Natur sein lassen“. Hier stellt sich die Frage, wieviel Eingriff in die Natur ist sinnvoll? Was ist notwendig, um die negativen Effekte des vormals menschlichen Eingriffs der Entwässerung in die Natur wieder umzukehren und ab welchem Punkt kann die Natur sich wieder selbst regulieren? Wir wissen nach wie vor zu wenig über die Selbstheilungskraft der Natur und sind oftmals überrascht, was die Natur alles kann, wenn man ihr Zeit und Raum gibt. Das braucht Fingerspitzengefühl, einen langen Atem und man muss das den Menschen immer wieder erklären.

Überstaute Rehhofwiese - Foto: Dr. Inga Bergmann
Überstaute Rehhofwiese - Foto: Dr. Inga Bergmann

An welchen Projekten arbeitest du konkret? 

 

Ich betreue kleinere Moorprojekte, bei denen erste Maßnahmen bereits umgesetzt wurden, die aber noch nicht den gewünschten Erfolg zeigen. Ein Beispiel ist die Wiedervernässung der Rehhofwiese gemeinsam mit dem Wasser- und Bodenverband Müritz. Dort wurden bisher zwei Sohlschwellen gebaut und vier Grabenverschlüsse errichtet, damit mehr Wasser in höhergelegenen Bereichen verbleibt. Das ist aber bisher noch nicht erreicht worden. Meine Aufgabe ist nun, nachzusteuern, indem wir die Schwellen erhöhen oder den Graben, der dort verläuft, komplett verschließen. Ich koordiniere das Projekt, spreche mit den Beteiligten, erstelle das Kartenmaterial, stimme mich mit anderen Behörden ab und hole erforderliche Genehmigungen ein, akquiriere Gelder und begleite die Maßnahmen fachlich. Auch die Einbindung von Freiwilligen ist wichtig – besonders bei kleineren Projekten, bei denen kein schweres Gerät nötig ist. 

 

Der Pächter der Fläche ist diesen Maßnahmen gegenüber sehr aufgeschlossen und erhält über den freiwilligen Kohlenstoffmarkt sogar ein wenig Geld, wenn der Vernässungsgrad die Emission von CO₂ verhindert. Auch die Firma, welche für uns die technische Planung macht und Pegel setzt, kann ihre Leistungen durch Kohlenstoffzertifikate finanzieren. So muss das Nationalparkamt nicht in Vorleistung gehen. 

 

Außerdem bin ich Teil einer Arbeitsgruppe, die Erkenntnisse aus den Schutzgebieten in die Entwicklung von Moorpegel-Leitlinien einbringt. Das LUNG möchte landesweit einheitliche Regeln für Pegelstandsmessung und Datenaufzeichnung schaffen – eine wichtige Grundlage für Moorschutzprojekte. Die technische Ausstattung der Großschutzgebiete variiert allerdings stark: Während wir uns hier im Müritz-Nationalpark teilweise noch mit einfachen Lattenpegeln behelfen, ist langfristig die vollständige Umrüstung auf Rohrpegel mit Datenloggern und Datenfernübertragung erwünscht.

Moorfrosch - Foto: Dr. Inga Bergmann
Profitiert von der Moorwiedervernässung: Der Moorfrosch - Foto: Dr. Inga Bergmann

Welche Herausforderungen siehst du im Bereich Moorschutz speziell im Müritz-Nationalpark?

 

Ich würde mir wünschen, dass man im Müritz-Nationalpark einen Datenschatz hebt: Es liegen zahlreiche boden- und vegetationskundliche Gutachten zu unterschiedlichen Themenbereichen wie Wald, Artenvielfalt oder Gewässer vor. Diese Datenreihen reichen mitunter viele Jahrzehnte zurück, sind aber noch nicht vollständig digitalisiert und geordnet. Personelle und finanzielle Rahmenbedingungen erschweren eine zeitnahe Auswertung der Daten. Derartig umfassende Datensammlungen haben aber nur wenige Schutzgebiete vorzuweisen, was uns ein großes Forschungspotential nicht nur im Hinblick auf Moorschutzprojekte beschert. Schließlich bietet eine solide Datengrundlage eine wichtige Voraussetzung, um Aussagen über natürliche Veränderungsprozesse und menschlich bedingte Störfaktoren treffen und angemessen reagieren zu können.

 

Zunächst sollte aber das inzwischen 20 Jahre alte Moorkataster neu aufgelegt werden, um die Dokumentation unserer Moorflächen in Bezug auf Ökologie, Hydrologie und Torfmächtigkeiten fortzusetzen. Denn der Zustand vieler Moore hat sich sehr wahrscheinlich seit der letzten Bestandsaufnahme verändert. 

 

Welche Stärken hat für dich persönlich die Moorspezialisten-Ausbildung?

 

Ich profitiere enorm von der Vernetzung, weil ganz unterschiedliche Einsatzstellen bei dem Programm mitmachen – neben den Großschutzgebieten auch Wasser- und Bodenverbände, Planungsbüros, die Landesforst und Stiftungen. Auch der über die Hochschulen ermöglichte Austausch mit der Wissenschaft zu neuesten Entwicklungen und aktuellen Publikationen ist ein großes Plus.

 

Hat sich für dich durch die Ausbildung bereits eine berufliche Perspektive ergeben?

Ich habe festgestellt, dass mich vor allem die technische Realisierung der Moorrenaturierung interessiert. Es ist spannend, wie unterschiedlich Wiedervernässungsbauwerke im Hinblick auf Material und Größe umgesetzt werden können. Dabei gibt es eine Vielzahl hydrogeologischer und statischer Grundsätze zu beachten, welche im Zusammenspiel mit unvorhersehbaren Einflussgrößen wie Niederschlag, Verdunstung, Abfluss ein komplexes Bild ergeben und eine gründliche Planung erfordern. Es gibt keine starren Regeln, so dass man hier auch mal was Neues ausprobieren kann. Auch meine Abschlussarbeit im Müritz-Nationalpark wird sich dem Thema Bauwerke widmen, sodass wir für zukünftige Moorschutzprojekte eine Bestandsaufnahme vorweisen können.